Ich liebe Peter Pan. Den Jungen, der nicht erwachsen werden wollte.
Diese mutige, starke, freche, unverfrorene, verspielte Person, für die die ganze Welt ein einziges Abenteuer ist – die aber gleichzeitig so verletzt ist und nur einen großen Wunsch hat: eine Mama zu haben, die ihn ins Bett bringt und ihm eine Geschichte vorliest.
Peter Pan lebt im Nimmerland. Einer Welt außerhalb unserer Welt, in der die Regeln der Kinder gelten und in der alles zusammenkommt, was sich Kinder wünschen: Piraten, Indianer (sorry, historisches Buch, veraltete Darstellung) und wilde Tiere für die Jungs, Meerjungfrauen, Feen und liebe Tiere für die Mädchen (okay, das Buch ist von 1904). Hier muss niemand Verantwortung übernehmen. Und man muss nie erwachsen werden oder eines Tages ins Büro gehen. Man kann den ganzen Tag fliegen, spielen und seinen Spaß haben.
Umgeben ist Peter Pan von den „verlorenen Jungen“. Das sind Kinder, die als Babys aus dem Kinderwagen gefallen sind, so wird es im Buch erklärt. Und wenn der Nanny nach mehreren Tagen nicht aufgefallen ist, dass sie rausgepurzelt sind, kommen die Feen und bringen sie ins Nimmerland, wo Peter Pan ihr akzeptierter Anführer ist.
Peter Pan macht Bekanntschaft mit Wendy Darling, einem Mädchen aus wohl behütetem Elternhaus mit einer Mutter, die Geschichten vorliest, und einem Vater, der ins Büro arbeiten geht. Heile Welt. Wendy hat zwei Brüder: John und Michael, die im behüteten Heim kämpfen wie Piraten.
Wendy sehnt sich nach der großen, weiten Welt weit weg von ihrem spießigen Großbürgertum-Schlafzimmer. Peter Pan sehnt sich nach einer Mama, die ihm Geschichten vorliest. Darum nimmt er Wendy und ihre Brüder mit ins Nimmerland. Und wie wir bald erfahren, ist Peter Pan selbst als kleines Baby einmal aus seinem Kinderzimmer herausgeflogen und als er wieder zurückkam, war das Fenster verschlossen und ein anderes Kind lag in seinem Bett. Tragisch.
Warum erzähle ich das?
Weil ich mich viele Jahre selbst mit Peter Pan identifiziert habe.
Und weil ich in meiner Welt auf so viele Wendys, Peter Pans und vor allem auf „verlorene Jungen“ treffe. Da sind einerseits die wohl erzogenen, behüteten – teilweise überbehüteten Kinder, die sich mehr drinnen als draußen aufhalten und bei denen Mama Darling alles im Griff hat.
Und auf der anderen Seite die verlorenen Jungen (und Mädchen), die vielleicht nicht gerade aus dem Kinderwagen gefallen sind, aber doch aus den verschiedensten Gründen aus den Augen und dem Blickfeld ihrer Eltern geraten sind, die sich selbst überlassen sind und sich in ihre eigenen Welten zurückziehen. Ins eigene Nimmerland. Ihre Traumwelten, Handy- und PC-Welten, Welt der Gleichgesinnten, der kleinen kämpfenden Piraten. Und während diese „verlorenen Jungen“ vor sich hin kämpfen und sich hart, mutig und abenteuerlustig geben, sind sie doch voller Sehnsucht nach einem Zuhause und einer „Mama, die ihnen Geschichten vorliest“.
Es gibt Leute, die über den „Verfall der Gesellschaft“ und die „Verrohung der Jugend“ stöhnen und sich daran erinnern, dass Kinder früher noch lieb und brav waren, unbekümmert, vertrauensvoll, ehrlich, ohne Vorurteile und irgendwie noch ein bisschen unschuldig.
Tatsächlich? War das so?
Vielleicht die 0-2-Jährigen. Aber nicht die Älteren. Zumindest nicht in meiner Kindheit. Und in der meiner Eltern auch nicht.
Die Kinder, die zu uns in die Gemeinden, in die Jungschar und auf die Freizeiten kommen, haben in den ersten 6-8 Jahren ihres Lebens doch bereits so viel erlebt, dass da schon jede Menge Vertrauen und Offenheit verloren gegangen ist. Das war früher so und das ist auch heute so. Heute vielleicht sogar noch etwas mehr. „Ehrlich“ nennt man sie vielleicht dann, wenn sie einem anderen zurufen: „Du bist hässlich!“ Aber sind sie auch ehrlich, wenn man sie nach ihren Träumen, Ängsten, Hoffnungen fragt? Haben sie nicht genauso wie wir Großen gelernt, ihre wahren Gefühle zu verstecken, damit sie nicht verletzt werden? Haben sie sich nicht schon längst Überlebensstrategien überlegt, um in dieser Welt, in die sie hineingeplumpst sind, zurecht zu kommen? Wissen sie nicht genau, bei welchem Erwachsenen sie welchen Ton anschlagen müssen, um genau das zu bekommen, was sie wollen oder brauchen? Sind sie nicht genau wie wir – natürlich in kindlicher Weise – berechnend, kalkulierend, abwartend, misstrauisch, voller Vorurteile? Und gleichzeitig können sie – ebenfalls wie wir – so auftreten, dass man sie erst mal nett, freundlich, lustig, cool, offen, locker, anständig, höflich, sympathisch findet?
Das sind die verlorene Jungs, verlorenen Kinder mit dem Schutzpanzer eines Erwachsenen heute mitten in unseren Dörfern und Städten.
Und noch etwas haben sie mit uns gemeinsam: Sie tragen die gleiche Sehnsucht nach Liebe, Frieden, Geborgenheit in ihrem Herzen. Sie suchen Heimat, Beständigkeit, Halt, Hoffnung und einer großen Mama, die ihnen Geschichten vorliest – oder einem großen, starken Papa, der sie in den Arm nimmt und sagt: „Alles wird gut.“ Wie wir.
Es gibt einen entscheidenden Unterschied:
Während wir Großen uns tapfer durch den Dschungel aus Beruf, Beziehungen und Verantwortung schlagen, stehen die Kinder da und sind auf die Hilfe der Erwachsenen angewiesen. Sie sind Schutzbefohlene. Der Staat hat befohlen, sie zu schützen. Gott sei Dank. Sie sind eben keine allein lebenden Kämpfer im Nimmerland. Sie sind dem Schutz Erwachsener anbefohlen. Oder auch ausgeliefert, je nachdem, an wen sie geraten. Wohl dem Kind, das in liebevollen Verhältnissen aufwächst wie Wendy Darling. Und wohl dem Kind, das nach Irrwegen von falschen Beschützern an Menschen gerät, die es gut mit ihm meinen. Sei es im Kindergarten, in der Schule, im Verein, in den offenen Angeboten der Kommune, in Pflegefamilien – oder eben genau in unseren christlichen Veranstaltungen und Freizeiten.
Wohl dem Kind, das in deinem Umfeld ein sicheres Zuhause findet.
Noch einen zweiten Unterschied stelle ich bei den Kindern im Gegensatz zu uns Großen fest:
Die Haut zwischen äußerer Fassade und innerem sehnsüchtigem Herzen ist noch etwas durchlässiger als bei uns. Die Sehnsucht nach einem Menschen, dem man vertrauen und sich anvertrauen kann, ist noch groß genug, dass in ihren Augen schneller ein Hauch von Ehrlichkeit aufflackert als bei uns. Wenn das Kind uns abspürt, dass wir uns ihm ehrlich, offen und ohne Hintergedanken nähern, dann ist es bereit, sich zu öffnen. Nicht alle gleich schnell und gleich viel. Aber eben doch schneller und vertrauensvoller als es Erwachsene tun, die sich ja doch oft höchstens ihren besten Freunden oder Ehepartnern so öffnen, dass sie sich ins Herz schauen lassen. Wenn überhaupt.
Und das ist unsere Chance, aber auch unsere Verantwortung.
Wir haben die Chance, den Kindern, die uns eine Zeit lang anvertraut werden, ein Reisebegleiter zu sein. Wir geben ihnen die Möglichkeit, sich uns anzuvertrauen und mit uns nach Antworten auf ihre Fragen zu suchen, wie zum Beispiel:
- Wer bin ich?
- Wohin gehöre ich? Wo ist mein Zuhause?
- Wer interessiert sich für mich?
- Was bin ich anderen wert?
- Was wird aus mir? Was kommt auf mich zu?
Wir als Christen haben diese Antwort in Gott gefunden. In Jesus Christus. Das prägt uns und das wollen wir weitergeben. Unbedingt. Es ist aber schwer, den Kindern geistliche Weisheiten so weiterzugeben wie Lehrsätze in der Schule: „Ein Magnet zieht Eisen an.“, „Die Erde kreist um die Sonne.“, „Gott liebt dich und interessiert sich für dich.“
Hm.
Um über unseren Glauben und unsere Hoffnung ins Gespräch zu kommen, braucht es Vertrauen. Und aus der Sicht der Kinder passen unsere Antworten nicht unbedingt zu deren Fragen. Zumindest nicht sofort.
Und auch wenn sich die Kinder nach tragbaren Antworten auf diese Fragen sehnen, überlegen sie sich genau, mit wem sie sich auf die Suche nach diesen Antworten machen. Wem sie vertrauen.
Die Kinder, die zu uns kommen, haben sich bereits bestimmte Verhaltensmuster angeeignet. Sie wissen genau, wie sie gesehen werden wollen: laut oder leise, wild oder schüchtern, frech oder höflich. Und sie sind nicht sofort bereit, uns ihr Herz zu öffnen. Sie schicken uns zuerst in eine Prüfung, die da lautet: „Bist du bereit, mich so zu lieben, dass ich dir vertrauen kann?“
Und das sind die Prüfungsschritte:
- Sie erzählen ein bisschen. Ganz oberflächlich und unverbindlich. Die einen mehr, die anderen weniger. Und sie registrieren dabei ganz genau: Hörst du mir überhaupt zu? Interessierst du dich für mich? Oder bin ich dir eigentlich egal?
- Sie nehmen Blickkontakt auf. Die einen mehr, die anderen weniger. Sie lesen in unseren Augen. Was sehen sie da? Ehrlichkeit? Aufrichtigkeit? Unbefangenheit? Distanz? Unsicherheit? Überheblichkeit? Desinteresse?
- Sie legen Fallen aus. Streiche, Ungehorsam, Frechheiten, Aufmüpfigkeit, Geschrei, Unverschämtheiten, Provokationen. Und sie schauen, wie wir reagieren. Denn so viele Erwachsene sind bei ihnen schon in die gleiche Falle getappt und haben die klassischen Reaktionen gezeigt: „Wie kannst du nur?“, „Das war ja klar!“, „Du schon wieder!“, „Das ist ja typisch!“, „Auf dich müssen wir ganz besonders aufpassen!“, „Du bist ja furchtbar!“, „Noch einmal, und du fliegst raus!“
Es gibt aber auch die anderen Erwachsenen. Die nicht mit solchen Sätzen kommen. Es sind die, die vielleicht mal schimpfen, ermahnen und eindeutig sagen, dass dies oder das Verhalten nicht akzeptabel ist, die aber gleichzeitig vermitteln: „Du bist hier weiterhin willkommen.“, „Du bist ein wertvoller Mensch. Nicht nur, wenn du hier alles richtig machst.“, „Bei uns herrscht Liebe ohne Verdienst.“
Erst wenn du diese Prüfung bestanden hast – und die Kinder entscheiden selbst, wie oft sie die Prüfungsaufgaben wiederholen und wie lange du im Prüfungsstatus bist – , dann kommen sie aus ihrem Nimmerland heraus und öffnen sich dir.
Und jetzt bist du dran, ihnen all die Wertschätzung und den Respekt zu geben, der ihnen zusteht und den sie den sie so dringend brauchen. Ich hab oben gesagt: Dass die Kinder sich uns unter bestimmten Umständen öffnen, ist eine Chance, aber auch eine Verantwortung. Denn wie schlimm wäre es, wenn sie dann, wenn sie sich geöffnet haben, von uns wieder einen auf den Deckel bekommen und ihr Vertrauen enttäuscht wird. Oder dass wir ihr Vertrauen missbrauchen, indem wir über sie lachen, sie bloß stellen oder im Umgang mit ihnen nur unser eigenes Ego aufpolieren wollen. Oder noch Schlimmeres.
Also. Wenn du in der Gemeinde, auf der Kinderfreizeit, oder auf anderen Kinderveranstaltungen nur darum mitarbeitest, damit du endlich auch mal was zu sagen hast, dann wundere dich nicht, wenn die Kinder ihre unsichtbaren Schwerter auspacken und loskämpfen.
Aber wenn du die Kinder liebst, wenn du mit ihnen gemeinsam auf Entdeckungs- und Abenteuerreise gehen willst, dann ist das ein guter Anfang. Dann hast du die richtige Einstellung. Dann musst du auch keine Angst davor haben, etwas falsch zu machen oder eine Antwort nicht zu wissen. Kinder suchen keine Alleskönner, Wichtigtuer, Fehlervermeider. Sie suchen Mamas und Papas, große Brüder und Schwestern, Begleiterinnen und Begleiter, die ihnen Halt und Sicherheit vermitteln, Liebe und Wertschätzung, Achtung und Respekt.
„Zu sterben muss ein schrecklich großes Abenteuer sein“, sagt Peter Pan an einer Stelle in dem Roman von J. M. Barrie.
Und wir wissen: Zu leben ist auch ein großes Abenteuer. Und es kann ein herrliches Abenteuer sein. Mit den richtigen Leuten an der Seite. Mit Liebe, Vertrauen, Mut, Hoffnung und Perspektive im Herzen. Mit dem wissen, dass der große Gott sich für uns ganz klein gemacht hat und uns zur Seite steht.
Bist du bereit, den Peter Pans in deiner Umgebung die Hand zu reichen und ihnen den Weg in das herrliche Abenteuer zu zeigen? Dann lass uns dem Wind auf den Rücken springen und losfliegen. Die verlorenen Jungen warten auf dich.











