Neulich hatte ich seit langem mal wieder die Ehre, in einer fünften Klasse eine Schulstunde mitgestalten zu dürfen. 60 Minuten sogar.
Mein Plan: In der ersten halben Stunde singe ich ein Lied, mache ein kurzes Spiel, damit sie mich kennen lernen und erzähle dann eine Geschichte vom Schlunz, die darauf hinausläuft, dass Schlunz eigentlich viel lieber Lukas sein möchte und Lukas viel lieber Schlunz. Und am Ende der Geschichte sagt Nele, dass es doch gut ist, dass jeder er selbst ist und dass doch jeder genau so, wie er ist, ein Original und ein Held ist.
Für die zweite Hälfte hab ich Kleingruppen eingeplant. Ich habe große Blätter mitgebracht, auf denen ein Teil der Schlunzgeschichte als Comic abgedruckt ist plus ein Bibeltext: „Jesus segnet die Kinder“ (Lukas 18,15-17). Die Kinder sollen auf die leere Rückseite als Überschrift schreiben: „Das bin ich“ und dann darunter schreiben oder malen, warum sie selbst toll und heldenhaft sind. Dann sollen sie sich in der Kleingruppe darüber austauschen.
Zeitfaktor: 5 Minuten überlegen und schreiben, fünf Minuten austauschen.
Anschließend sollen sie miteinander den Bibeltext lesen (in einer Schulbibel oder auf dem Blatt) und darüber austauschen: „Was fand ich gut? Was fand ich nicht gut? Was will ich mir merken? Was hab ich nicht kapiert?“ Und so weiter. Am liebsten sogar mit der Frage: „Was sagt mir diese Geschichte, in der Jesus die Kinder wertschätzt, in Bezug auf mein Bild über mich oder das Verhältnis von Jesus zu mir? Bin ich vielleicht auch für Jesus ein Held?“ Als spielerische Methode hab ich verschiedene Kärtchen ausgeteilt, auf denen neben Schlunzbildchen diese Fragen notiert sind. Zeitfaktor: 5 Minuten Bibellesen, 10 Minuten austauschen. Bleiben noch 5 Minuten, in denen sie das große Blatt in der Mitte knicken und mit einem weiteren großen geknickten Blatt ein „Heft“ daraus erstellen können: ein Mini-Comicheft mit eigener Kommentierung sozusagen.
So weit, so naiv.
Ob die Kinder an diesem Vormittag etwas gelernt haben, kann ich nicht sagen. Aber ich hab hier als alter Mann kurz vor 60 einiges gelernt:
- Fünftklässler (zumindest diese) können bzw. wollen nicht singen. Als ich mit der Gitarre ein Lied angestimmt habe und sie aufforderte mitzusingen, schauten die mich an, als hätte ich sie gerade mit Benzin übergossen und würde sie nun bitten, ein Streichholz zu entzünden. Nach ein bis zwei Versuchen hab ich die Gitarre weggepackt, damit sie merken: Ich will sie nicht töten.
- Wenn ich ihnen ein DIN A3 Blatt gebe und sie auffordere, das in der Mitte zu falten und innen rein zu schreiben: „Das bin ich“, und dann darunter zu notieren, was sie gut können, was sie ausmacht, welche Hobbys sie haben usw., dann ist das eine totale Überforderung. Wenn man sich nicht in Kleingruppen neben jeden einzelnen gesetzt hat und gesagt hat: „Jetzt knicken“, dann haben die nach 15 Minuten immer noch vor einem leeren Blatt gesessen. Manche haben nach 15 Minuten lediglich die Buchstaben für „Das bin ich“ auf das Blatt gemalt. Andere konnte man im Einzelgespräch fragen: „Was kannst du denn gut?“ Schultern zucken. „Was sind denn deine Hobbys?“ – „Crossfahren.“ – „Ja, schön, dann schreib das doch schon mal auf.“ Fünf Minuten später: „Wie schreibt man Crossfahren?“ Andere blieben dabei: „Ich kann nichts.“
- Wenn ich sie dann auch noch bitte, einen kurzen Bibeltext (drei Verse!!) zu lesen, dann ist das eine noch größere Überforderung. Ich hab es ihnen dann schon gar nicht mehr zugemutet, Bibeln aus dem Regal zu holen und aufzuschlagen. Zum Glück gab es den Text auf dem Blatt. „Wer will denn mal vorlesen?“, frage ich in meiner Kleingruppe. Keiner. „Okay, dann les ich vor“, sag ich und kündige schon mal an: „Gleich will ich von euch wissen, was ihr daran gut fandet oder nicht.“ Nachdem ich zwei (von drei) Versen vorgelesen habe, höre ich, wie einer zu seinem Nachbarn flüstert: „Wie viel denn noch?“ Puh.
- Es gibt einzelne, die können lesen. Die wollen auch über den Text reden. Denen fällt auch etwas ein, was sie können. Die können auch schreiben. Aber die meisten starren Löcher in die Luft, kichern, quatschen mit den Nachbarn, kritzeln mit dem Kuli auf den Blatt herum, sitzen die Zeit mit dem Blatt und den Fragen einfach ab.
Und jetzt sitz ich da und frage mich (und euch): Was heißt das für unser Unterfangen, Kinder zum Bibellesen zu begeistern? Wie sollen wir Kinder, Lehrerinnen und Lehrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Eltern und all die anderen Menschen zum Bibellesesen, Bibel-Nachdenken, Bibel-Entdecken einladen, wenn wir damit nur Kinder mit einigermaßen hohem Bildungsniveau erreichen? Wie weit sollen/müssen wir unsere Bibellese-Methoden noch runterbrechen, vereinfachen, damit ein Kind, das schon überfordert ist, einen Bibeltext zu lesen und drei Wörter auf ein Blatt zu schreiben, trotzdem noch irgendwas mitnimmt? Sind damit auch all unsere Veranstaltungen, unsere Andachten, unsere erzählten biblischen Geschichten viel zu schwer, auch wenn wir denken, sie seien leicht? Denken wir immer und immer noch über die Köpfe der Kinder hinweg? Fragen über Fragen.
Also, ich fühl mich nach der Erfahrung dieser Schulstunde mal wieder einigermaßen ernüchtert. Und wir sehen: Es gibt einiges zu tun. Aber wir wollen uns dem stellen. Wenn nicht wir, wer dann?













