Unpassendes Glaubenszeugnis

Es war wie immer, wenn ein besonderer Gottesdienst vorbereitet werden sollte: Die Mitarbeiter der Gemeinde suchten noch nach einem praktischen, lebensbezogenen Beispiel aus dem Alltag. „Zum Glauben finden“ war das Thema. „Wir lassen jemanden aus seinem Leben erzählen, wie er zum Glauben gefunden hat“, schlug einer vor. „Jemand soll sozusagen ein Zeugnis aus seinem Leben geben. Jemand Glaubwürdiges, dem man das auch abnimmt.“

„Eine gute Idee“, pflichteten die anderen bei. Aber wen sollten sie fragen?

„Ich kenne eine“, begann eine Dame aus dem Vorbereitungskreis, „die ist schon als Kind zum Glauben gekommen. Sie könnte erzählen, wie das bei ihr war.“

„Wer ist das denn?“, wollten die anderen wissen.

„Es ist Lieschen Maier“, sagte die Dame.

„O nein, bloß die nicht!“, riefen die anderen fast im Chor. „Die übt heutzutage so einen moralischen Druck aus, das wäre ein Schuss nach hinten für die Zuhörer!“

„Was ist mit Nobbi Niegelnagel“, schlug ein anderer vor, „der ist auch schon lange Christ.“

„Nein, das geht auch nicht“, war man sich schnell einig, „von dessen Glauben spürt man heute überhaupt nichts mehr.“

Vielleicht fände sich jemand aus dem Vorbereitungskreis, warf ein jüngerer Bruder ein. Gute Idee, aber wer? Schnell stellte sich heraus, dass niemand geeignet war. Die einen hatten gar keine erzählenswerte Geschichte zu ihrem Glaubensprozess zu verzeichnen, die anderen hatten ein viel zu spektakuläres Bekehrungserlebnis. Und etliche waren sich ihres eigenen Glaubens nicht so sicher und konnten gar nicht sagen, ob sie schon so richtig gläubig im Sinne der Gemeinde waren.

„Ich kenne noch jemanden“, fiel einem älteren Herren ein, „der war in jungen Jahren regelrechter Gegner von allem, was christlich ist. Er hat geradezu dagegen gearbeitet. Aber eines Tages ist ihm Jesus persönlich begegnet, so erzählt er zumindest heute.“

„So was gibt es doch gar nicht“, fielen ihm die anderen ins Wort.

„Ich bin noch nicht fertig“, fuhr der Alte fort, „nach diesem Erlebnis war er ein paar Tage lang vollkommen durcheinander. Er hatte überhaupt keine Durchblick mehr, was er noch glauben sollte und was nicht. Aber seitdem ist er wie umgekrempelt. Er erzählt allen, die es hören wollten oder auch nicht, von Jesus .“

„Zu extrem“, wollten die anderen ihn wieder bremsen.

„Es geht noch weiter“, sagte der Herr unbeirrt. „Gerade weil er sich so extrem für Jesus einsetzt, spaltet er die Menschen um sich herum immer wieder in zwei Lager : Ganz viele sind durch ihn selbst zum Glauben gekommen. Andere sind dadurch so wütend geworden, dass er schon mehr als einmal gewaltsam angegriffen worden ist.“

„Völlig untypisch!“, riefen wieder einige dazwischen.

Der ältere Herr ließ sich nicht abbringen und redete weiter: „Er hat auch schon einige Rundbriefe verfasst, die sprühen nur so vor Feuer und Energie. Manche sagen, das, was er schreibt, passt überhaupt nicht zu seinem Auftreten. Er ist klein, unscheinbar und schmächtig, ja sogar etwas kränklich. Er lässt sich davon aber nicht beirren. Er redet weiter von Jesus, er schreibt weiter von Jesus und er erzählt unermüdlich die Geschichte, wie er Jesus begegnet ist und dadurch wiedergeboren wurde. Sicher würde er diese Geschichte auch gern bei uns im Gottesdienst erzählen.“

„Bloß nicht“, regte sich das gesamte Team auf. „So einer würde die Leute nur erschrecken! Die einen wären entmutigt, weil sie denken, so werde ich nie! Die anderen fühlten sich aufs Füßchen getreten, wenn er dabei auch noch aufdringlich würde. Außerdem ist die Geschichte so was von überzogen, das ist keinesfalls repräsentativ. Dieser Mann kann niemals aus unserer Gemeinde kommen, stimmt’s? Hier hätte er keine Chance. Er wäre schon längst von den Liebhabern der moderaten Töne vor die Tür gesetzt worden.“

„Na gut“, gab der Alte nach. „Ich dachte ja nur.“

„Wie heißt der Mann eigentlich?“, fragte einer, als man sich schon dem nächsten Punkt der Vorbereitung zuwenden wollte.

Der ältere Herr lächelte gequält: „Es ist der Apostel Paulus.“

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