Damals: Kinderfreizeit vor 30 Jahren

Anlässlich meines 30-jährigen Daseins beim Bibellesebund schau ich auch gerne mal zurück: Wie sehr hat sich die Zeit von damals bis heute weitergedreht? Und wo war die Zeit gar nicht so krass anders wie heute?

Im Sommer 1995 war ich das erste Mal auf der Kinderfreizeit in Plön. Hier noch zum Zuschauen und Mitmachen. Aber mit der klaren Option, dass ich diese Freizeit ab 1996 leiten soll, was ich auch bis 2019 ganz treu Jahr für Jahr gemacht habe.

Aber schon 1995 habe ich in meinem Monatsbericht über die Freizeit in Plön geschrieben:

Die Kinderfreizeit ist eine echte Herausforderung. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden ein tolles Team. Alle gewinnen alle Kinder sehr lieb. Und gerade deswegen müssen wir immer härter durchgreifen. Ich erschrecke, wie wenig gruppenfähig die Kinder sind. Konflikte werden ganz oft über die Mitarbeiter ausgetragen. Ständig wird „gepetzt“ („Der hat dies gemacht!“, „Die hat mich geschlagen!“)

Manchmal merke ich, wir sind in unserer Kompetenz der Betreuung begrenzt. Eigentlich gehört auf diese Freizeit ein Kindertherapeut. Der Küchenmitarbeiter meint zwar, da hätten sie schon schlimmere Kinder gehabt und überhaupt sei es immer ein bisschen chaotisch, aber ich selbst habe noch nie so viele Kinder in so massiven inneren und äußeren Nöten gesehen.

Folgendes wurde mir in dieser Zeit deutlich. Die Kinder der 90er Jahre sind mehr denn je Individualisten. Sie bringen ihre individuellen Familienprobleme mit. Sie haben ihre individuelle Geschichte. Jede ist individuell traurig. Wir müssen sie mehr denn je individuell betrachten und behandeln.

Heute, 30 Jahre später, sage ich: Die Kinder hatten auch schon vor hundert und tausend Jahren ihre individuelle Geschichte. Trat sie damals nicht so zum Vorschein? Wurden Kinder eher als „große Masse“ gesehen? Wollten die Kinder vielleicht sogar bewusst in der großen Masse verschwinden und gar nicht auffallen?

Zumindest finde ich interessant, dass das Phänomen der Individualisierung keine neue Erscheinung ist. Und dass auch damals schon jedes einzelne Kind nach ganz persönlicher Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Hilfestellung geschrien hat. Offensichtlich haben sie sie bekommen, denn ich schreibe auch in meinem Monatsbericht im Juli 1995:

Da die Kinder sich aber gleich sehr ernst genommen fühlen, halten sie unsere Ge- und Verbote sehr gut ein. Trotz Chaos sind sie sehr empfänglich für christliche Inhalte. Weniger in der großen Gruppe bei Bibelarbeiten, als vielmehr im so genannten „Flüsterviertelstündchen“ auf den Zimmern kurz vor der Nachtruhe mit ihrem Mitarbeiter.“

Wie viel mehr trifft das heute zu: Individuelle Kinder brauchen individuelle Behandlung. Das können wir in unseren Kindergruppen so nicht leisten. Aber wir können trotzdem genau hinschauen: Warum ist Sophie an jenem Punkt so empfindlich? Warum tickt Jonas bei genau diesem Spiel so aus? Und dass unsere christlichen Botschaften besser andocken, wenn sie im kleinen Kreis erzählt und persönlich bezeugt werden, als wenn man sie nach dem Gießkannenprinzip in der großen Gruppe allen gleichermaßen austeilt, ist heute auch keine Überraschung mehr. Auch das geht nicht immer. Aber es geht öfter, als wir uns das im Gruppenalltag zutrauen.

Die Welt vor 30 Jahren war also gar nicht so krass anders als heute.

Fortsetzung folgt …

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